Hideto Hiramatsu, M.A.

Kurzvita

Forschungsschwerpunkte

Vergleichende Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland und Japan vom 19. bis ins 20. Jahrhundert, Geschichte der gesellschaftlichen Minderheiten in Japan

Forschungsprojekt (Arbeitsthema)

Der aufgeklärte Untertan – politische Teilhabe als kulturelle Übersetzung im japanischen Modernisierungsprozess

Angesichts der Anlehnung an das preußische Modell sind die Einführungsprozesse und die historischen Entwicklungen des Systems der lokalen Selbstverwaltung in der Modernisierungszeit Japans (1868-1905) in einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen Interpretations- und Adaptionsversuchen der europäischen Ideen zu verstehen. Gleichzeitig lässt sich in diesen Entwicklungsprozessen eine starke Neigung zum Zurückgreifen auf "traditionell" japanische Elemente der Selbstverwaltung beobachten. Hierbei handelt es sich nicht nur um kulturelle Übersetzungsprozesse des europäischen Modells, sondern auch um eine Institutionalisierung der restaurierten traditionellen Herrschaftsform des japanischen Kaisers als Machtzentrum des modernen Nationalstaates. Das japanische Volk galt freilich prinzipiell als Untertan des Kaisers und Objekt seiner politischen und religiösen Herrschaft. Die säkulare Nationalstaatsbildung in Form einer konstitutionellen Monarchie durch die Rezeption der europäischen Modelle ging hierbei mit einer absoluten Sakralisierung des Kaisers durch das Zurückgreifen auf traditionelle Ideologien einher.

Zugleich galt das Volk jedoch auf der Ebene der Kommunalpolitik als aktives Subjekt, indem es als Bürger an der kommunalen Selbstverwaltung teilhatte, auch wenn dieses Teilhaberecht zunächst nur sehr beschränkt zugänglich gemacht wurde. Man könnte argumentieren, dass das politische Teilhaberecht des Bürgers nur als Pflicht des Untertanen geltend gemacht werden konnte und die Etablierung eines politisch mündigen Individuums stets massivem Druck patriarchaler Gottesherrschaft des Kaisers und gesellschaftlicher Assimilierung ausgesetzt war. Jedoch könnte zumindest theoretisch die Frage gestellt werden, inwiefern und in welcher Hinsicht man überhaupt vor 1945 auf der Grundlage der Teilnahme an der kommunalen Selbstverwaltung von einer Entfaltung eines politisch mündigen Individuums sprechen kann. Damit wird darauf gezielt, die gängige Annahme, nach welcher die kommunale Selbstverwaltung lediglich als Instrument und Mechanismus zur Stabilisierung des kaiserlichen Staats- und Herrschaftssystems unter der Meiji-Verfassung zu verstehen sei, kritisch zu hinterfragen.

Im Zuge der Modernisierung wurden das früher tief religiös verfasste Leben des Volks und dessen Partizipationsformen und Handlungsmuster als Gemeindemitglied durch die Einführung des Selbstverwaltungssystems nach dem preußischen Modell von oben nach unten grundlegend umstrukturiert und erneut politisch verfasst. Das traditionelle religiöse Leben des japanischen Volks, dessen Formen und Inhalte wurden somit einer fundamentalen Wandlung ausgesetzt. Nun sollte das Prinzip des öffentlichen Lebens in der Gemeinde säkularisiert werden, während das religiöse Leben, abgesehen vom Staatsshintoismus, theoretisch nur in der privaten Sphäre des einzelnen ausgeübt werden konnte. Im Hinblick auf die Trennung von Religion und Staat in der selbstverwalteten Gemeinde auf der einen Seite und die allmähliche Angleichung des religiösen Lebens des Volks an den Staatsshintoismus auf der anderen Seite ist die Frage nach Bedeutungsverschiebung der Religion für das einzelne Mitglied und sein Leben in der Gemeinde zu stellen.

Den Spannungsverhältnissen zwischen dem alten und neuen Prinzip der Selbstverwaltung wird konkret anhand einer Fallstudie nachzugehen versucht. Als Folge des neuen Systems der kommunalen Selbstverwaltung und der neuen Religionspolitik der japanischen Regierung wurden zahlreiche Gemeinden zusammengelegt. Dabei mussten viele lokale Schreine vereinheitlicht oder gar abgeschafft werden, welche für das Aufrechterhalten des Selbstbewusstseins und Selbstverständnisses des einzelnen Mitglieds von entscheidender Bedeutung waren. Im Zuge der Zusammenlegungsprozesse rückte die Frage der Religion in den Vordergrund des Interesses der Mitglieder der nun politisch verfassten Gemeinde. Die Untersuchung dieser Prozesse wird es ermöglichen, die Religionsfrage in der Geschichte der kommunalen Selbstverwaltung zu verorten und die Bedeutung der Religion im Modernisierungsprozess genauer zu erörtern.